Wie lange kann man von den Ersparnissen leben?

Wie lange kann man von den Ersparnissen leben?

Finanzielle Freiheit – in diesem Beitrag setzen wir uns mit einer besonders spannenden Frage auseinander. Hierbei handelt es sich wenn du so willst um die verdiente Belohnung am Ende einer mehr oder weniger langen „Sparreise“. Denn früher oder später macht man sich als Privatanleger darüber Gedanken wie lange das angesparte Vermögen denn „halten“ könnte für den Fall, dass man sich zum Beispiel frühzeitig zur Ruhe setzen möchte. Es geht also konkret um die Frage wie lange man trotz Kapitalverzehr von seinen Ersparnissen leben kann.

Warum ist es so wichtig zu wissen wie lange die Ersparnisse reichen?

Ich gehe davon aus, dass jeder unter uns, der sich die Mühe macht über Jahre Geld anzusparen auch ein Ziel damit verfolgt. Sei es zum Beispiel die Erfüllung eines lang gehegten Traumes wie eine Weltreise oder der Kauf einer Immobilie. Oder vielleicht geht es darum sich früher zur Ruhe zu setzen oder gar die finanzielle Unabhängigkeit zu erreichen. Das heißt idealerweise noch vor dem 67. Lebensjahr. Oder wann auch immer die Renteneintrittsgrenze ist, wenn es dich und mich dann betrifft.

Alle diese Ziele sind über kurz oder lang davon abhängig wie groß dein Portfolio geworden ist. Und vor allem wie sich dein Portfolio auch zukünftig am Kapitalmarkt weiterentwickeln wird. Denn insbesondere für die beiden letztgenannten Ziele ist es von essentieller Bedeutung zu wissen wie lange man trotz Kapitalverzehr von seinen Ersparnissen leben kann. Und ebendiese Ziele sollen schwerpunktmäßig in diesem Beitrag beleuchtet werden. Man möchte ja im Ruhestand nicht, dass am Ende des Geldes noch sehr viel Zeit übrig bleibt. Oder noch schlimmer: Dass man wieder einen ungeliebten Beruf ausüben muss.

Woher weiß ich wie lange meine Ersparnisse reichen?

Um diese Frage zu beantworten bietet es sich an einen Portfolio-Entnahmerechner zu verwenden und damit die mögliche Entnahmezeit zu berechnen. Der Begriff „Entnahmezeit“ meint hierbei die mögliche Dauer, in der du von deinen Ersparnissen leben bzw. von deinem Portfolio „zehren“ kannst. Mit Hilfe des verlinkten Rechners kannst du ganz einfach die Dauer der Entnahmezeit berechnen. Natürlich handelt es sich dabei um eine Schätzung, der bestimmte Annahmen unterliegen. In der Realität kann die tatsächliche Entnahmezeit je nach realer Marktentwicklung kürzer oder länger ausfallen.

Welche Parameter muss ich für die Berechnung der Entnahmezeit angeben?

Die wichtigste Annahme bzw. Frage ist, mit welcher Wachstumsrate dein Gesamtkapital auch in der Entnahmezeit weiterhin wachsen wird. Denn es wird typischerweise angenommen, dass dein Kapital auch in der Entnahmezeit weiterhin am Kapitalmarkt angelegt ist und daher auch Erträge erwirtschaftet. Das verlängert die Entnahmezeit dementsprechend oder lässt sie „ewig“ werden, wenn die Zinserträge die Kapitalentnahmen übersteigen. Natürlich geht es auch ganz ohne das Kapital weiterhin anzulegen wenn man Risiken möglichst vermeiden möchte. Das heißt wenn man das Geld lieber auf einem Tagesgeldkonto oder „unter dem Kopfkissen“ aufbewahren möchte. Aber das reduziert die theoretische Entnahmedauer dramatisch. Und das wäre nur dann gangbar, wenn das Portfolio bzw. Gesamtkapital entsprechend groß ist.

Weitere wichtige Parameter sind natürlich die Höhe des zur Verfügung stehenden Gesamtkapitals sowie auch die Höhe der Kapitalentnahmen. Beim Letzteren handelt es sich um den Geldbetrag, den du aus deinem Gesamtkapital periodisch entnehmen möchtest. Logisch: Je mehr du entnimmst, desto kürzer halten deine Ersparnisse.

Zuletzt ist es auch wichtig zu wissen wie oft du Kapital entnimmst, d.h. das Entnahmeintervall zu kennen. Dabei wird es nämlich steuerlich interessant: Es macht Sinn die Entnahme so zu gestalten, dass du möglichst wenig Kapitalertragssteuer bzw. Abgeltungssteuer zahlst. Doch dazu später mehr.

Woher weiß ich wie viel Kapital ich entnehmen darf?

Das ist eine sehr gute Frage. Dabei geht es um die Entnahmestrategie. Du kannst dieses Thema von zwei verschiedenen Seiten angehen. Die Eine besteht darin schwerpunktmäßig auf die Dauer der Entnahmezeit zu achten: „Wie viel Kapital darf ich periodisch maximal entnehmen, damit es X Jahre reicht?“ Die andere Vorgehensweise legt den Schwerpunkt auf die Höhe der Kapitalentnahme: „Wie lange hält das Kapital, wenn ich periodisch X € entnehme?„.

Beiden Vorgehensweisen unterliegt über kurz oder lang die Frage zu Grunde wie viel Geld man in der Entnahmezeit „zum Leben“ braucht.

Woher weiß ich wie viel Geld ich in der Entnahmezeit brauchen werde?

Das ist eine weitere sehr gute Frage. Und leider muss ich dir sagen, dass es ganz auf dich, deine Lebensweise und deine Ziele ankommt. Wenn du in der Entnahmezeit im Luxus schwelgen möchtest, dann wirst du entsprechend mehr Kapital benötigen. Wenn du frugalistisch bzw. minimalistisch leben möchtest, dann wirst du auch mit einem vergleichsweise kleinen Portfolio relativ lange leben können. Insofern musst du dir selbst die Frage stellen: Was will ich genau machen? Und wie viel Geld brauche ich dafür?

Gerade die letzte Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten. Angenommen dein Ziel ist es mit deinem angesparten Vermögen frühzeitig in Rente zu gehen. Dann solltest du dir Gedanken darüber machen wie hoch deine Ausgaben zukünftig sein werden. Dabei solltest du Annahmen treffen, welche Ausgaben und Einnahmen auf dich zukommen werden.

Zu der Ausgabenseite zählen natürlich die typischen Kostenfaktoren: Miet- / Wohnkosten, Nebenkosten, Kredite, Versicherungen, Arztkosten, Lebensmittel, Reisen und so weiter und so fort. Du siehst es gibt viele Faktoren, die es zu berücksichtigen gilt. Du kannst natürlich auch sehr pragmatisch vorgehen und von deinen jetzigen Ausgaben auf die zukünftigen Ausgaben schließen. D.h. wenn du jetzt insgesamt 2.000€ im Monat benötigst, kannst du vielleicht abschätzen, dass du in der Entnahmezeit ebenfalls um die 2.000€ benötigen wirst. Natürlich ist es möglich sich in der Entnahmezeit „zusammenzureissen“ um die Ausgaben zu reduzieren und dadurch vielleicht auf die ein oder andere Reise oder einen Restaurantbesuch zu verzichten.

Auf der Einnahmenseite solltest du beachten mit welchen zukünftigen Einnahmen du rechnen kannst. Eine Wesentliche davon haben wir oben schon besprochen. Und zwar die weiteren Kapitalerträge deines Portfolios. Aber es kann natürlich auch sein, dass du in der Entnahmezeit weiterhin einer (anderen) Beschäftigung nachgehst und dadurch weitere Einnahmen generierst. Vielleicht beziehst du sogar eine Rente oder hast sonstige Einnahmequellen. Alle diese Punkte sind wichtig um dein Ausgabe- und Einnahmeverhalten in der Entnahmezeit gegenüberzustellen.

Was ist denn die berühmte 4%-Regel?

Eine auch medial sehr bekannte Entnahmestrategie ist die sogenannte „4%-Regel“. Diese besagt grob gesagt, dass du jedes Jahr 4% deines Gesamtkapitals aus deinem Portfolio entnehmen und dadurch circa 30 Jahre von deinen Ersparnissen leben kannst. Eine andere Formulierung, die die Ausgabenseite stärker beleuchtet ist: Du benötigst ein Gesamtkapital in Höhe des 25-fachen (1 durch 4%) deiner jährlichen Ausgaben, um diese über einen Zeitraum von 30 Jahren vollständig abzudecken[1]https://www.focus.de/thema/altersvorsorge/die-fire-bewegung-macht-es-vor-die-4-prozent-regel-so-gehen-sie-jahre-frueher-in-rente_id_10695726.html.

Um diese Entnahmestrategie auch wissenschaftlich zu untersuchen wurde 1998 die sogenannte „Trinity-Studie“ in den USA durchgeführt. Das Ziel der Studie war es zu ermitteln, wie viel Kapital man aus einem beispielhaften Portfolio (bestehend aus 60% Aktien und 40% Anleihen) über einen Zeitraum von 30 Jahren hätte entnehmen können ohne dieses komplett aufzubrauchen. Der betrachtete Gesamtzeitraum reichte von 1925 bis 1995. Dieser wurde in alle theoretisch möglichen 30-Jahres-Zeiträume unterteilt und diese entsprechend anhand des Beispielportfolios und der realen Wachstumsraten der enthaltenen Wertpapiere untersucht. Die Studie konnte zeigen, dass es bei einer Entnahme von 4% selbst im „Worst-Case-Szenario“ in keinem der betrachteten 30-Jahres-Zeiträume zu einem vollständigen Verzehr des Portfolios gekommen wäre[2]https://frugalisten.de/die-4-prozent-regel-wie-viel-geld-brauchst-du-um-nicht-mehr-arbeiten-gehen-zu-muessen/.

Natürlich hat auch die 4%-Prozent-Regel ihre Vor- und Nachteile. Auf der Positivseite steht die Einfachheit und die Prägnanz. Auf der Negativseite steht, dass der betrachtete Zeitraum der Studie lediglich auf 30 Jahre festgelegt wurde. Manch einer plant aber vielleicht noch länger vom Portfolio zu leben. Ein weiterer Punkt ist, dass die Studie mit einem starken Fokus auf US-Aktien durchgeführt wurde und geographisch verzerrt sein könnte. Weiterhin wurden Steuern mehr oder weniger vernachlässigt, was insbesondere in Deutschland mit einer Abgeltungssteuer von 25% + ggf. 1,375% Solidaritätszuschlag ein wesentlicher Kostenpunkt ist. Doch nichtsdestotrotz hat die 4%-Regel ihre Daseinsberechtigung und kann aus meiner Sicht als guter Indikator für die persönliche Spar- und Entnahmestrategie dienen.

Beispiel: Berechnung der Entnahmedauer für ein fiktives Portfolio

Lass uns nun mit dem Wissen der vorherigen Abschnitte zusammen die mögliche Entnahmezeit bzw. Entnahmedauer anhand eines fiktiven Szenarios mit einem Beispielportfolio berechnen. Die Annahmen sind folgende:

  • Gesamtkapital: 300.000€
  • Wachstumsrate: 4%
  • Kapitalentnahme: 2.000€
  • Entnahmeintervall: monatlich
  • Entnahmeart: nachschüssig

Aus diesen Parametern ergibt sich der folgende Entnahmeverlauf:

Portfolio-Entnahmerechner Beispiel 1

Die Berechnung zeigt, dass wir unter den getroffenen Annahmen knapp 17,3 Jahre von dem Portfolio leben könnten. Das kommt zwar noch nicht ganz an die 30 Jahre von zuvor heran. Allerdings haben wir mit einer Wachstumsrate von 4% eher konservativ gerechnet. Des Weiteren ist eine Entnahme von 2.000€ eher hoch gewählt. Angenommen wir ändern die Parameter leicht ab und wählen eine Wachstumsrate von 5% und eine Kapitalentnahme von 1.600€. Daraus ergibt sich gleich ein anderes Bild:

Portfolio-Entnahmerechner Beispiel 2

In diesem fiktiven Szenario verdoppelt sich die Entnahmezeit nahezu auf knapp 30,1 Jahre.

Was gibt es noch steuerlich zu beachten?

Ein beliebtes Sprichwort in Deutschland ist, dass „nichts sicher ist außer der Tod und die Steuern“. Und deswegen macht es Sinn sich für die persönliche Entnahmestrategie Gedanken darüber zu machen. Wie in dem Beitrag zum Freistellungsauftrag erklärt wird in Deutschland die sogenannte Abgeltungssteuer (oder umgangssprachlich Kapitalertragssteuer) fällig. Hast du in einem Jahr über deinen Freibetrag von 801€ hinaus weitere Kapitalerträge erwirtschaftet, so wird die obige Steuer fällig. Wenn du in der Entnahmezeit nur noch von deinem Portfolio bzw. von deinen Ersparnissen lebst ist das ein sehr großer Kostenpunkt. Doch wie kann man diese Steuer möglichst gering halten?

Ein offensichtlicher Weg ist es den jährlichen Freibetrag stets auszuschöpfen um damit die Steuerlast niedrig zu halten. Eine weitere Möglichkeit ist es eine sogenannte NV-Bescheinigung zu beantragen. Um was es sich dabei im Detail handelt schauen wir uns in einem separaten Beitrag zeitnah an. Doch an dieser Stelle sei schon einmal gesagt: Die NV-Bescheinigung ermöglicht es dir den jährlichen Grundfreibetrag von zurzeit 9.744€ für Singles im Jahr 2021[3]https://www.steuertipps.de/lexikon/g/grundfreibetrag anstatt für Einkommen aus Arbeit stattdessen für deine Kapitalerträge auszuschöpfen.

Fazit

In diesem Beitrag haben wir uns die spannende Frage angeschaut wie lange man von seinen Ersparnissen trotz Kapitalverzehr leben kann. Wenn du es selbst einmal ausrechnen möchtest, dann rufe gerne direkt den Portfolio-Entnahmerechner auf und ermittle für dich wie lange du von deinem Vermögen leben kannst. Wenn du noch am Anfang deiner Sparreise bist, dann schau dir doch erst einmal den Portfolio-Sparrechner an. Ein wesentlicher Begleiter auf dem Weg hin zu deinem persönlichen Traum ist natürlich dein Broker. In dieser Brokerübersicht findest du meine aktuellen Favoriten für einen ETF-Sparplan.

Rechtlicher Hinweis

Bitte beachte, dass jede Form der Investition oder Geldanlage mit Chancen und Risiken verbunden ist.

Der vorliegende Beitrag dient lediglich dazu die persönliche Meinung des Autors wiederzugeben. Dieser Beitrag stellt keine Anlageberatung, ein Angebot oder eine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren oder sonstigen Vermögensgegenständen dar. Aussagen in diesem Beitrag können Erwartungen an zukünftige Entwicklungen beinhalten. Diese basieren auf den gegenwärtigen Ansichten und Annahmen des Autors. Sie können daher Abweichungen bezüglich der tatsächlich eintretenden zukünftigen Entwicklungen haben.

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