Was sind Derivate und was kann ich damit machen?

Was sind Derivate und was kann ich damit machen?

Bei den bisherigen Beiträgen in den Kategorien Für Anfänger und Für Fortgeschrittene habe ich dir die wesentlichen Grundlagen und einige fortgeschrittene Konzepte zum Investieren in ETFs und zum Aufbau des eigenen Portfolios näher gebracht. In diesem Beitrag gehen wir noch einen Schritt weiter und schauen uns an was „Derivate“ sind. Auf Grundlage des vorliegenden Beitrags folgt zeitnah ein weiterer Beitrag, in dem wir uns anschauen wie man mit Hilfe von Derivaten sein Portfolio absichern kann. Der vorliegende Beitrag befindet sich nicht umsonst in der Kategorie Für Experten. Nicht weil er besonders kompliziert ist. Sondern vielmehr weil Derivate nur von erfahrenen Anlegern verwendet werden sollten. Warum das so ist, schauen wir uns nun an.

Derivate sind eine Familie von Finanzinstrumenten

Das generelle Thema „Derivate“ würde ganz klar den Rahmen des Beitrags und vermutlich sogar des ganzen Blogs sprengen. Da es sehr weitreichend und teilweise sehr komplex werden kann. Daher werde ich in diesem Beitrag nur die wesentlichen Vertreter und Eigenschaften erläutern, damit du den notwendigen Kontext kennst. In der Finanzwelt handelt es sich bei Derivaten um Produkte, deren Wert von einem anderen Wert (dem sogenannten Basiswert bzw. Underlying) abgeleitet wird. Der Name stammt vom lateinischen „derivare“, was so viel bedeutet wie etwas ableiten. Dabei beschreibt der Begriff nicht nur ein bestimmtes Finanzprodukt, sondern ist eher der übergeordnete Sammelbegriff für verschiedenste Arten von Finanzinstrumenten. Deren Gemeinsamkeit ist es, dass ihr eigener Wert von einem anderen Wert abhängt. Ein Synonym für Derivate, dass dir vielleicht schon begegnet ist sind die sogenannten „Zertifikate„.

Bei Derivaten spricht man umgangssprachlich auch manchmal von Wetten. Du kannst es dir in etwa so vorstellen: Der Wert z.B. deines Fußball-Wettscheins hängt davon ab, wie die Spiele ausgehen auf die du gewettet hast. Ein anderes Beispiel ist das klassische Lottospiel. Es ist streng genommen auch ein Derivategeschäft. Denn überleg einmal: Der Wert deines Lottoscheins hängt davon ab welche Zahlen gezogen werden (das „Underlying“). Du siehst an diesem Beispiel ganz gut, dass Wahrscheinlichkeiten und Erwartungen wesentliche Einflussfaktoren für Derivate sind.

Derivate können mitunter sehr risikobehaftet sein

Derivate gelten in den Finanzwelt nicht umsonst als hochgradig „gefährliche“ Produkte[1]https://www.finanzen100.de/finanznachrichten/wirtschaft/risikofaktor-banken-die-tickende-zeitbombe-der-weltweiten-derivate_H842895196_74709/. Der Starinvestor Warren Buffet bezeichnete sie einst sogar als „Massenvernichtungswaffen“[2]https://www.prospectmagazine.co.uk/economics-and-finance/financial-weapons-of-mass-destruction-brexit-and-the-looming-derivatives-threat. Bei diesen besteht auch ein tatsächlich reales Risiko eines Totalverlustes im Gegensatz zu einem ETF. Insbesondere, wenn man mit sogenannten Knockout-Zertifikaten handelt[3]https://www.finanztreff.de/wissen/hebelprodukte/knock-outs/15-welche-risiken-bergen-knock-outs/5208.

Auch die Finanzkrise 2007/2008 fußt zum großen Teil auf Derivaten. Wesentliche Auslöser waren neben den Collateralized Debt Obligations (CDO) auch die sogenannten Credit Default Swaps (CDS)[4]https://www.nzz.ch/was_sind_eigentlich_cdo-1.5490243. Wie bereits geschrieben ist das Thema sehr umfangreich. Wer Interesse hat und Näheres zu den Auslösern der Finanzkrise 2007/2008 erfahren möchte, kann gerne den angegebenen Quellen folgen.

Kann jeder mit Derivaten handeln?

Derivate bzw. Zertifikate sind insbesondere dann riskant, wenn man nicht weiß was man tut. Bei vielen Brokern muss man zum sogar eine „Eignungsprüfung“ ablegen und bestätigen, dass man sich auskennt bevor man Derivate handeln darf. Und zum Glück kann nicht jeder Privatanleger mit den besonders gefährlichen Produkttypen „herumspielen“. Und das ist auch gut so. Es gab in der jüngsten Vergangenheit leider besonders tragische Beispiele im Zusammenhang mit unerfahrenen Privatanlegern[5]https://www.ft.com/content/45d0a047-360f-4abf-86ee-108f436015a1.

Aber bitte nicht sofort abschrecken lassen. Ich habe bis jetzt besonders die Risiken von Derivaten hervorgehoben. Zur Wahrheit gehört auch: Derivate können dir – vorausgesetzt man kennt sich etwas aus – auch wunderbare Möglichkeiten für dein Portfolio eröffnen.

Welchen Zweck haben Derivate?

Derivate sind nicht nur gefährlich. Sie sind tatsächlich auch sehr vielseitig und werden daher auch in der Finanzwirtschaft sowie in vielen anderen Wirtschaftsbereichen zu verschiedenen Zwecken verwendet. Vereinfacht gesagt, kann man mit Derivaten entweder Spekulieren. Das heißt zum Beispiel auf steigende oder fallende Kurse setzen. Oder man setzt sie zum Hedging ein. Hedging bedeutet etwas abzusichern. Letzteres ist nämlich das Ziel, was wir verfolgen möchten wenn wir unser Portfolio mit Hilfe von Derivaten absichern möchten.

Welche Arten von Derivaten gibt es?

Unter dem Sammelbegriff Derivate gibt es ein paar wesentliche Vertreter bzw. Typen, die wir uns kurz anschauen. Wesentliche Produkttypen sind FuturesForwards und Optionen. Bevor ein Aufschrei kommt: Natürlich gibt es noch viele Weitere wie z.B. Swaps, aber das sprengt wie gesagt den Rahmen. Und es ist um ehrlich zu sein auch nicht wirklich zielführend für uns. Schauen wir uns daher hier einmal die oben genannten Produkttypen nochmal etwas genauer an.

Was sind Futures und Forwards?

Bei Futures und Forwards handelt es sich um sogenannte Termingeschäfte. Die Besonderheit dieser Geschäfte ist, dass man zum Beispiel heute ein Geschäft abschließt, dass erst in einem Jahr fällig wird. Das heißt, wir schließen heute etwas für einen Zeitpunkt in der Zukunft ab. Diese Geschäfte sind in der Wirtschaft weit verbreitet. Insbesondere wenn es darum geht den Preis eines bestimmten Rohstoffs oder einer Währung (= Basiswertes) z.B. ein Jahr oder länger im Voraus zu fixieren bzw. festzulegen. Dieses Fixieren gibt zum Beispiel dem Käufer die Sicherheit, dass er seinen Basiswert (z.B. Ware oder eine Währung) zum vereinbarten Preis bzw. Wechselkurs erhält. Und deshalb nicht mehr das Preis- oder Währungsrisiko tragen muss. Zum Beispiel können Fluggesellschaften über Terminprodukte den Preis von Kerosin im Voraus sichern um ökonomische Planbarkeit zu haben. Natürlich kann der Kerosinpreis auch rapide fallen, sodass er zu teuer kauft. Aber dessen ist man sich beim Kauf bewusst[6]https://www.handelsblatt.com/unternehmen/handel-konsumgueter/hintergrund-absicherungs-instrumente-der-airlines-grosse-fluglinien-gegen-steigende-kerosinpreise-abgesichert/2379854.html.

Zwischen Futures und Forwards gibt es kleinere Unterschiede. Zum Beispiel sind Futures standardisiert und werden an Börsen (z.B. EUREX) gehandelt. Wohingegen Forwards eher individuell / maßgeschneidert sind und daher über Over-the-Counter (OTC) direkt mit Finanzinstituten gehandelt werden. Im Kern sind es aber beides Termingeschäfte. Nicht alle Termingeschäfte können aber von Privatpersonen abgeschlossen werden. Viele der komplexeren und individuellen Produkte sind den großen Investmentgesellschaften, Finanzdienstleistern oder anderen institutionellen Investoren vorbehalten. Das ist allerdings nicht weiter tragisch, für uns sind die Optionen ohnehin der interessantere Produkttyp.

Was sind Optionen?

Optionen sind ebenfalls eine Untergruppe von Derivaten. Korrekterweise müssen wir aber hier auch eine Unterscheidung wie zuvor vornehmen. Es gibt nämlich Optionen und Optionsscheine. Der Unterschied liegt ähnlich wie bei Futures und Forwards im Wesentlichen in der Standardisierung und der Handelbarkeit (Börse vs. OTC). Aber auch in der Preisbildung (Angebot und Nachfrage vs. Preisfestsetzung durch die emittierende Bank) sowie in der Absicherung von etwaigen Emittentenrisiken durch eine zentrale Central Counterparty (CCP). Weitere Informationen dazu findest du hier. Zur weiteren Vereinfachung betrachten wir im Folgenden nur die Optionsscheine und schauen uns ein paar grundlegende Mechanismen davon an.

Wie der Name schon suggeriert ermöglichen sie dir im weiteren Sinne eine „Entscheidung“ zu treffen. Das heißt sie bieten dir eine Option an. Die Ausübung der Option ist dein Recht, aber es ist nicht deine Pflicht sie auch auszuüben. Klassischerweise werden Optionen dazu verwendet um auf steigende oder auf fallende Kurse bzw. Wertentwicklungen zu spekulieren. Das kann entweder im Rahmen einer Spekulation, als auch im Rahmen einer Absicherung erfolgen.

Was bedeutet „Long gehen“ und „Short gehen“?

Bevor wir nun weiter zu den konkreten Produkttypen gehen müssen wir noch zwei Begriffe einführen. Der eine lautet „Long„, der andere „Short„. Diese beiden Begriffe beschreiben jeweils ob man im Rahmen eines z.B. (Derivate-)Finanzgeschäfts eine Kaufposition einnimmt (Long). Oder ob man eine Verkaufsposition einnimmt (Short). Natürlich ist letzteres für Privatanleger nur bedingt möglich und erfordert den vorherigen Kauf (Long) eines entsprechenden Produktes. Eine Short-Position einzunehmen bedeutet nämlich ein Finanzprodukt zu „verkaufen“. Wertpapierbanken sowie institutionelle und professionelle Anleger haben darüber hinaus noch weitere Möglichkeiten Short-Positionen einzunehmen (z.B. durch Leerverkäufe[7]https://de.wikipedia.org/wiki/Leerverkauf). Darüber hinaus werden die beiden Begriffe auch als Synonyme verwendet um zu beschreiben ob man auf steigende Kurse (long) oder auf fallende Kurse (short) setzt. Als Beispiel sei hier einmal der Film „The Big Short“[8]https://de.wikipedia.org/wiki/The_Big_Short_(Film) genannt.

Call-Optionsschein

Um über ein Finanzderivat auf steigende Kurse zu setzen gibt es den sogenannten Call bzw. die Kaufoption. Die Call-Option ist ein Derivat deren Wert ansteigt wenn der Wert des Basiswertes steigt. Zum Beispiel: Hast du einen Call auf den S&P 500, dann steigt der Wert des Calls wenn der darunterliegende S&P 500 ansteigt. Der Call gibt dir als Käufer nämlich die Option (nicht die Pflicht) den Basiswert (den S&P 500) zu einem ursprünglich vereinbarten Ausübungspreis (den Strike) zu kaufen. Die Logik dahinter ist: Liegt der vereinbarte Ausübungspreis (Strike) unterhalb des aktuellen Marktpreises des Basiswertes, so hast du die Option den Basiswert günstiger als den aktuellen Marktpreis zu kaufen. Dadurch hast du ggf. unter Berücksichtigung des Optionspreises eine positive Differenz und dadurch erhält der Call seinen „inneren Wert„. Ein Call ist „In-the-Money“, wenn der innere Wert positiv ist. Er ist „Out-of-the-Money“, wenn der innere Wert negativ ist.

Als Privatanleger nehme ich also bei dem Kauf eines Calls eine Long-Call-Position ein. Bei einem Verkauf des Calls nimmt man analog eine Short-Call-Position ein. Um diese Mechanik noch besser zu veranschaulichen kannst du dir hier einmal die jeweiligen Auszahlungsprofile anschauen.

Put-Optionsschein

Analog: Wenn du auf fallende Kurse setzen möchtest gibt es den sogenannten Put bzw. die Verkaufsoption. Der Put funktioniert exakt anders herum wie der Call. Der Wert eines Puts steigt, wenn der darunterliegende Basiswert sinkt. Denn durch den Put hast du die Option (nicht die Pflicht) den Basiswert zum vereinbarten Ausübungspreis (Strike) zu verkaufen. Wenn der Ausübungspreis über dem Marktpreis des Basiswertes liegt erzielst du bei der Ausübung der Option (d.h. Verkauf) eine positive Differenz. So ergibt sich der innere Wert eines Puts. Ein Put ist „In-the-Money“, wenn der innere Wert positiv ist. Er ist „Out-of-the-Money“, wenn der innere Wert negativ ist. Auch hier kannst du dir einmal die jeweiligen Auszahlungsprofile zum besseren Verständnis anschauen.

Was ist der Hebel eines Derivates?

Einen wichtigen Punkt, der bisher noch nicht zur Sprache kam ist der sogenannte „Hebel„. Noch genauer: Im nachfolgenden Kontext sprechen wir vom effektiven Hebel bzw. dem „Omega„. Derivate werden manchmal auch Hebelprodukte genannt. Das ist auch ein wesentlicher Grund, weshalb Derivate oftmals riskant angesehen werden. Der Hebel spiegelt vereinfacht gesagt das Verhältnis zwischen dem Preis deiner Option und dem Preis / Kurs deines Basiswertes wieder. Derivate sind nämlich so konstruiert, dass sie überproportional an den Kursbewegungen des Basiswertes partizipieren. Dieser Hebeleffekt bzw. manchmal auch Leverage-Effekt ist auch der Grund weshalb man mit einer kleineren Investition bereits große Gewinne, oder aber auch Verluste realisieren kann. Diese Hebelwirkung funktioniert so:

Beispiel: Call-Optionsschein auf eine Apple-Aktie mit 1-jähriger Laufzeit

  • Angenommen du hast einen Call-Optionsschein mit Bezugsverhältnis 1:1 auf eine Apple-Aktie zum Ausübungspreis bzw. Basispreis von 100€ und einjähriger Laufzeit gekauft.
  • Du hast die Möglichkeit die Option innerhalb der einjährigen Laufzeit jederzeit auszuüben (amerikanische Option).
  • Der Preis bzw. die Prämie deines Call-Optionsscheins ist 10€. Dadurch ergibt sich ein Hebel von 10 (=100€/10€*1).
  • Wenn die Apple-Aktie nun um 10% steigt, dann steigt der Wert deines Optionsscheins um 100%. Der Preis deiner Option verdoppelt sich auf 20€.
  • Analog: Wenn die Apple-Aktie um 10% sinkt, dann sinkt der Wert deines Optionsscheins um 100%. Der Preis deiner Option sinkt auf 0,01€.

Fazit – Derivate nur für erfahrene Anleger

In der Welt der Derivate gibt es eine sehr große Anzahl an Themen und Möglichkeiten, die es allesamt Wert zu beleuchten wären. Da wäre unter anderem die Frage wie Derivate mit Hilfe vom Black-Scholes-(Merton)-Modell und der Griechen bepreist werden. Auch die verschiedenen die Ausübungsarten bei Optionen (amerikanisch, asiatisch oder europäisch) wären einen Beitrag wert. Oder auch die sogenannten Turbo- bzw. Knockout-Zertifikate, die besonders riskant sind. Aufgrund genau dieser großen Vielfalt haben wir uns hier aber erst einmal nur die wesentlichen Produkttypen und Eigenschaften angeschaut.

Ich hoffe, dass ich dir in diesem Beitrag erklären konnte was Derivate eigentlich grundsätzlich sind. Und, dass sie insbesondere für unerfahrene Anleger sehr riskant können. In den Händen von erfahrenen Anlegern können sie aber eine Vielzahl an Möglichkeiten eröffnen. Eine dieser Möglichkeiten ist die Absicherung des eigenen (ETF-)-Portfolios mit Put-Optionen. Wie das genau funktioniert schauen wir uns im nächsten Beitrag hierzu an.

Rechtlicher Hinweis

Bitte beachte, dass jede Form der Investition oder Geldanlage mit Chancen und Risiken verbunden ist.

Der vorliegende Beitrag dient lediglich dazu die persönliche Meinung des Autors wiederzugeben. Dieser Beitrag stellt keine Anlageberatung, ein Angebot oder eine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren oder sonstigen Vermögensgegenständen dar. Aussagen in diesem Beitrag können Erwartungen an zukünftige Entwicklungen beinhalten. Diese basieren auf den gegenwärtigen Ansichten und Annahmen des Autors. Sie können daher Abweichungen bezüglich der tatsächlich eintretenden zukünftigen Entwicklungen haben.

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